Möbliertes Wohnen in Berlin – ach nicht doch

Schnell mal für ein paar Monate in eine fertig möblierte Wohnung. Danke für das Angebot  – ich hätte da ein paar Anmerkungen.

Es gibt zwei Dinge, die mich in Kombination zu diesem Post veranlasst haben:

      • Ich musste vor Kurzem umziehen, da für die Wohnung in der ich neun Jahre lang gelebt habe, vom in Thailand lebenden Vermieter Eigenbedarf angemeldet wurde. Eigenbedarf, dieses unschöne Wort, das seit rund einem Jahrzehnt den Berliner Wohnungsmarkt umkrempelt. Eigenbedarf, dieses Synonym für die Verdrängung von alteingesessenen Mietern, explodierende Quadratmeterpreise und Wohnungen, die sich auf einmal mit schicken Fotos im Netz wiederfinden.
      • Ich bekam (unaufgefordert) eine Anfrage bzw. Pressemitteilung von einer Immobilien-PR-Agentur für Immobilien, in der ein Portal zu monatsweisen Vermietung von Unterkünften gefeatured wurde – und ich habe leider den Fehler begangen, mir einige der angebotenen Wohnungen anzuschauen.

Ich bin in Berlin geboren, ja ich wohne sogar zeitlebens im gleichen Stadtbezirk, die letzten 20 Jahre fast durchgehend in Alt-Treptow, unweit der Grenze zu Kreuzberg. Viel hat sich verändert in dieser Zeit, aber das meiste davon in den letzten fünf, sechs Jahren.

Aus der vorherigen Wohnung musste ich raus, da die Berliner Stadtautobahn zukünftig dort verläuft, wo einst meine Couch stand. 2009, rechtzeitig, bevor alle Bewohner der abzureißenden Häuser auf Wohnungssuche im Kiez gingen, habe ich ein paar Straßen weiter, unweit vom Görlitzer Park schnuckelige 60 qm im 4. OG gefunden – für 2 Monate mietfrei – und 440€ warm.

Die damaligen Vermieter freuten sich, dass endlich jemand einzieht, bis dahin stand die Wohnung zwei volle Jahre leer. Ja, vor nicht einmal einem Jahrzehnt wollte niemand in diese Ecke!

Neukölln ? – Bloß nicht!

Das andere Ende der Straße liegt auch heute noch in Neukölln und wer nicht musste, vermiet es, dort im dunklen langzuschleichen. Übrigens gab es auch einfach NICHTS was einen dorthin gezogen hätte. Das ist (zum Glück) inzwischen anders.

Natürlich wurde meine Wohnung mittlerweile verkauft, aber wenigstens war der Eigentümer so fair, die Miete nicht weiter zu erhöhen. Warum auch, fragte er sich selbst. Dafür änderte sich das Wohnumfeld komplett, als ich jetzt auszog wohnten in den rund 40 Wohnungen des Hauses noch zwei Bewohner, die schon vor mir in diesem Mietshaus lebten. Der Rest hatte im Laufe der Jahre mehr oder weniger freiwillig das Haus und damit auf grund der inzwischen explodierten Mieten meist auch die Gegend verlassen.

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Nur noch selten so leer: Die Arena Berlin

Zurück zur Presseinfo: Nein, nicht meine alte Wohnung ist auf dem Immobilienportal für Zeitwohnen zu finden, das spanische Jungunternehmer vor einigen Jahren gegründet haben. Aber zahlreiche Wohnungen im gleichen Haus und den Nachbarhäusern, die nun offiziell monatsweise vermietet werden. Komfortablerweise bereits voll möbliert. Für moblierte Wohnungen auf Zeit gelten übrigens weniger Einschränkungen als für Ferienwohnungen (Zweckentfremdungsgebot).

Am meisten haben mich dabei allerdings die Preise irritiert. Natürlich sind auch die Durchschnittsmieten in Berlin in den letzten Jahren gestiegen. Aber hier nochmal der direkte Vergleich:

Meine Wohnung 2009-2018:

      • 60qm für 440€ warm / unmöbliert 2009 bis 2018

Wohnen auf Zeit im Haus nebenan 2018

      • 33qm möbliert für 1241€ – das macht übrigens 37,60€ / Quadratmeter. Für eine Person. Für eine zweite Person können bei einigen Angeboten dann nochmal 50% zusätzlich draufkommen. Achja, das 33qm Appartement ist übrigens laut Anbieter für bis zu 4 Personen geeignet.

Darauf, dass ich in der vorhergehenden Wohnung bis 2009 3,60€ pro Quadratmeter bezahlt habe, gehe ich jetzt mal nicht näher ein.

Leider werden immer mehr Wohnungen zu Ferienappartements oder solchem, letztendlich doch umgewidmetem, Wohnraum. Natürlich lässt sich nichts dagegen sagen, wenn Gäste für einige Tage nach Berlin kommen. Auch ich nutze Ferienwohnungen. Nur will ich dabei nicht das verdrängen, was ich erleben will: Die ursprüngliche Stadt oder den ursprünglichen Ort und vor allem deren Bewohner.

Wenn ihr nach Berlin ziehen wollt oder ein paar Tage die Stadt erkunden wollt, sucht euch eine Unterkunft, die nicht direkt im (derzeit) hippsten Teil der Stadt liegt oder dort angrenzt. Ihr zahlt nur drauf. Vor einigen Jahren war Wohnen im Prenzlauer Berg das Nonplusultra beim Berlin-Besuch oder um das „wahre“ Berlin zu erfahren. Heute ist dieser Stadtteil die gelebte Langeweile und durchgentrifizierte Ödness.

Nehmt euch Zeit für die Suche, macht Kompromisse und zahlt vor allem nicht gleich jeden Preis.

Ich wohne jetzt übrigens nur ein paar Kilometer weiter draußen. Nah am Wasser und immernoch für weniger als 9€ / Quadratmeter Warmmiete. Die baugleiche Wohnung im Haus nebenan kostet allerdings auch schon das Doppelte. Aber wenigstens Grüßen die Touristen mit Ihren Rollkoffern freundlich wenn sie abreisen.

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