Ein Mann im Boot

Die Sonne stand noch nicht allzu hoch, als ich mich aufmachte, den kleinen Ort an der Karibikküste zu verlassen. Die Tage zuvor hatte ich damit verbracht, den Strand entlang zu wandern, der von der Natur selbst mit alten Ästen und Kokosnüssen so überfüllt war, dass man im ersten Moment dachte, es sei die Müllkippe des Ortes. Zwischen dem toten Holz und den keimenden Nüssen suchte ich nach den Nestern von Meeresschildkröten. Nicht, um diese dann auszuheben und die Eier zu verkaufen, wie es manche Einheimische taten, sondern um das einzigartige Schauspiel des Schlüpfens, das alljährlich an eben diesen Stränden aufgeführte wurde, beobachten zu können.
Am Abend vor meiner Abreise war ich endlich Zeuge geworden, wie sich der Sand erst leicht bewegte, dann immer weiter nachrutschte und kleine Köpfe sich ihren Weg hindurch bahnten. Die letzte Sandkörner waren noch nicht ganz abgeschüttelt, da watschelten die kleinen Körper wie an einer unsichtbaren Kette gezogen direkt auf die Wellen in einigen Dutzend Metern Entfernung zu. Kein Umsehen, keine Vorsicht. Es dauerte kaum eine Minute und sie waren in der Gischt verschwunden. Was blieb waren nur die winzigen Spuren ihrer Füße im nassen Sand. In vielen Jahren würden die, die stark genug gewesen sind und die Gefahren im Meer überlebten, an eben diesen Strand zurückkehren und ihre Eier hier ablegen.
Auch für mich war es Zeit aufzubrechen.

Statt mich wie die kleinen Abenteurer aus dem Nest direkt in die Fluten zu stürzen, würde meine Weiterreisen heute komfortabel per Boot erfolgen.
Der Ort den ich verließ, lag an einer Flussmündung und seine Grundfläche wurde von westlicher Seite durch einen langgestreckten Fluss begrenzt. Im Zusammenspiel mit dem Atlantik im Osten wurde das Land zu einer Halbinsel geformt, die irgendwann durch Wetter und Wellen wohl völlig verschwinden würde.
Alle zwei bis drei Tage brachten Boote mit langen Kielen und lauten Motoren eine bunte Mischung aus Touristen, Gepäck, Nahrungsmitteln, Einheimischen und allem was solch ein Dorf brauchen mag den Fluss entlang zu dem, was Hafen genannt wurde, aber mehr eine sanfte Uferböschung mit Bananenstauden und verblichenen Werbetafeln war.
Was sich in den Booten befand, wurde in großer Eile an Land geworfen. Mit Ausnahme der eintreffenden Touristen, die sich selbst ihren Weg bahnten. Die Mischung aus Hitze, Wellen und tropischer Feuchtigkeit machte den meisten von ihnen zu schaffen und sie wankten eher ans Ufer. Anders, als sie es von ihren Kreuzfahrtschiffen gewohnt sein mochten. Einen ähnlich geschwächten Gesichtsausdruck musste ich selbst einige Tage zuvor bei meiner Ankunft abgegeben haben.
Kaum waren die letzten Benzinkanister aus den einfachen Holzbooten mit ihren Dächern aus alten Planen entladen, stürmten Backpacker und Kinder auf die in schmalen Reigen angeordneten Sitzplätze. Am Heck wurden Rucksäcke und Waren noch höher aufgestapelt als auf der Hinfahrt und nach wenigen Minuten saß auch ich und freute mich auf neue Abenteuer. Zum Glück war neben mir noch ein Platz frei geblieben und ich sah trotz des harten Sitzes einer entspannten Fahrt entgegen. Von mir aus hätten wir sofort ablegen können. Der Mimik meiner Mitreisenden nach zu urteilen waren sie der gleichen Ansicht. Aber nichts passierte.
Es regnete leicht. Ein warmer Regen, der so fein und weich war, dass man ihn schnell nicht mehr spürte. Mit dem Summen der Moskitos und den Schreien der Affen wurde er zum einzigartigen Klangteppich des Dschungels.

Als mein Blick die Ringe betrachtete, die der Regen im Wasser hinterließ, erschein am Ufer eine ganze Reihe bewaffneter Polizisten. Sie beobachteten aufmerksam die drei Boote, die man offenbar ihretwegen aufgehalten hatte.
Mit einem kurzen Kopfnicken deutete der älteste von ihnen auf das Boot in dem ich saß. Der Bootsführer rief etwas in einem Dialekt, den ich nicht verstand. Was immer es gewesen sein mag, einige Augenblicke später war ich umringt von Polizisten die mir mit Handzeichen bedeuteten, sitzen zu bleiben.
Mein einziger Ausweg wäre ohnehin nur der Sprung ins Wasser gewesen. Eilig überlegte ich, was denn der Grund dafür sein mag. Hatte ich Gepäck von Fremden angenommen? Ähnelte mein Allerweltsgesicht jemandem auf irgendeinem Plakat? War ich illegal eingereist?
Mein offensichtliches Unbehagen belustigte die mich umgebende Wachmannschaft und sie hefteten ihre Blicke noch direkter auf mich.
Doch es passierte erst einmal: Nichts.
Als ich mich gerade an Doku-Serien erinnerte, die Zustände in mittelamerikanischen Gefängnisse schilderten, zeigten sich am Ufer weitere Männer in Uniform. Sie begleiteten einen Mann mittleren Alters und brachten ihn auf das Boot, auf dem auch ich saß. Er trug bessere Kleidung als ich sie in den letzten Tagen im Dorf gesehen hatte, so, als hätte er sich fein gemacht für einen sonntäglichen Besuch in der Kirche oder er ginge zu einem Vorstellungsgespräch einer einheimischen Bank.

Die Uniformierten eskortierten ihn auf das Boot und zwei von ihnen verteilten sich auf die Sitze mir gegenüber und direkt hinter mir. Der Unbekannte setzte sich mit einem entspannten Lächeln auf den einzigen Platz der noch frei war – den neben mir.
Der Kapitän brüllte Unverständliches zu den Polizisten an Land und mit einem kräftigen Aufheulen des Außenbordmotors und einer Abgaswolke, die kurz die Schönheit des Dschungels verhüllte, legten wir ab.
Schweigend saßen der Mitvierziger und ich nebeneinander. Aus meinen Augenwinkeln versuchte ich zu erkennen, ob die Polizisten mich beobachteten. Ich war mir nicht sicher.
Mein Sitznachbar ließ seine Hände entspannt zwischen den Beinen hängen. Überraschenderweise schien er in seiner langen Kleidung kein bisschen zu schwitzen. Sein Anzug hatte mit Sicherheit schon bessere Tage gesehen und seine Füße steckten in uralten bunten Latschen, die so gar nicht zum Rest der Erscheinung passten.
Mir dagegen war selbst das dünne Shirt zu warm, das eigentlich mehr Oberkörper zeigte, als es bedeckte. Obwohl ich schwitzte war mir kalt.Der Mann im Sakko summte leise vor sich hin.

Das Boot fuhr geradewegs den Fluss hinunter. Der Kiel klatschte auf die Wellen und jedes mal wenn sich das Boot hob, summte er kurz etwas lauter. Er hatte sichtlich Spaß daran, den Ort zu verlassen. Sein Summen beruhigte mich nicht. Im Gegenteil.
Plötzlich drehte sich der Mann neben mir um. Er schaute mich kurz an. Musterte mich in diesen paar Sekunden von oben bis unten. Er lachte kurz und laut auf. Sein breiter Mund zeigte hellbraune Zähne in schiefen Reihen.
Er schaute mich aus dunklen Augen eindringlich an und hob langsam beide Arme aus seinem Schoß. Gleichzeitig kam er nah an mein Ohr und flüsterte in schlechtem Englisch:
»Ich habe meinen Unterhalt nicht bezahlt!« .
An seinen Gelenken klirrten Handschellen.


 

Hintergrund

Besonders inder zweiten Jahreshälfte schlüpfen an vielen Stränden Costa Ricas Schildkröten aus den Gelegen und machen sich instinktiv auf ins Meer. Nach rund 20 Jahren kehren sie dann an diese Strände zurück, um dort selbst Eier abzulegen.
WICHTIG: Man darf auf keinen Fall die Nester berühren oder beim Schlüpfen nachhelfen. Auch die viel angepriesenen nächtlichen Touren sollte man NICHT mitmachen. Die Lichter der Taschenlampen irritieren die schlüpfenden Schildkröten. Viele einheimische Tour-Guides buddeln Nester kurz vor den Touren auf, damit die Touristen ja etwas zu sehen bekommen. Die offenen Gelege werden dann später von anderen Tieren geplündert. Viele junge Schildkröten schaffen es dadurch niemals ins Meer. Dass man keine Produkte aus Schildkrötenpanzern kauft, sollte selbstverständlich sein.

In einigen Regionen Costa Ricas ist es durchaus normal, dass verheiratete Männer offene Verhältnisse mit mehreren Frauen haben. Da die Gesellschaft vorwiegend katholisch geprägt ist, ist Verhütung eher untypisch (und in vielen Regionen auch zu teuer). Dass Männer gerade in ländlichen Gebieten mit mehreren Frauen Kinder haben, ist keine Seltenheit. Da viele ärmere Ticos (Einwohner Costa Ricas) und Einwanderer aus den Nachbarländern den Unterhalt für die Kinder oft nicht zahlen können, müssen sie ihn in Gefängnissen absitzen. Manche von ihnen treten mehrmals im Jahr entsprechende Haftzeiten an und werden dann aus ihrem Dorf ins nächste Gefängnis gebracht.

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